Darja Eßer


Annäherung an das Ursprüngliche

Nora Arnold zur Ausstellung der Dresdner Meisterschülerin Darja Eßer im Robert-Sterl-Haus, 2018

 

 

Darja Eßer heißt die Robert-Sterl-Preisträgerin 2018. Die Meisterschülerin der Dresdner Hochschule für Bildende Künste überzeugte die Jury durch ihre solide und künstlerisch eigenständige Position. Ihre fragilen aber sehr kraftvollen Arbeiten strahlen eine besondere Sinnlichkeit und Sensibilität aus. In einer Sonderausstellung präsentiert sich die 1987 in Bonn geborene und seit 2013 in Dresden lebende Künstlerin nun im Robert-Sterl-Haus. 

Darja Eßer zeichnet mit Tusche auf Papier. Mal linear, oftmals organisch gewachsen erscheinen die Strukturen in ihren Papierarbeiten. Durch einen Kalligrafie-Workshop während ihres Kunststudiums fand sie zu einer reduzierten und zugleich konzentrierten bildnerischen Ausdrucksweise.

Anregungen für das künstlerische Arbeiten bieten Darja Eßer die natürlichen Strukturbildungen in der sie umgebenden Natur. Blätter von Bäumen in ihren Verwesungsprozessen, die schöne Form von getrocknetem Farn, das Erlebnis von karger, rauer Landschaft, aber auch die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper und dessen Beziehungen zum Umraum reizen sie zur zeichnerischen Auseinandersetzung. 

Während des Zeichenvorgangs fließt die persönliche seelische Stimmung direkt in die sichtbar werdenden Formen und Flächen ein. Die wässrig aufgetragene Tusche entfaltet ein Eigenleben, sie verläuft und trocknet auf unvorhersehbare Weise. In dieses Zusammenspiel greift die Künstlerin zurückhaltend ein und entwickelt mit wenigen Interventionen eine Form, bei der das sorgsam ausgewogene Wechselspiel von Unmittelbarkeit und Unkontrollierbarkeit erhalten bleibt. In der Ausstellung begegnet man einem „Rotkehlchen“ (2018), das geradezu durstig die orangerote Tusche in sich aufzusaugen scheint. Von der Schnabelspitze entfaltet sich die Farbe in sanft fließender Bewegung allmählich über Kehle, Vorderbrust und Stirn. Eine andere Zeichnung mit dem Titel „kleines gefundenes Blatt“ (2018) erinnert in zarten Braun- und Rosatönen an ein in der herbstlichen Jahreszeit differenziert gefärbtes Laubblatt. 

Darja Eßer beschäftigen Körpergrenzen und ihre Auflösung, die Feinheit und gleichzeitige Rohheit von Hüllen und Haut sowie das Vergängliche und damit verbundene Dynamiken des Menschlichen. Das Papier ist dabei nicht nur Träger der Zeichnung sondern wird zum eigenständigen künstlerischen Medium. Aus transparentem Japanpapier näht sie einen fragilen Rucksack „leichtes Gepäck“ (2018) und zarte Schuhkörper „sheltering shoes“ (2018), die zugleich an Gehäuse von Verpuppungen erinnern lassen.  

Behutsam gefaltet und in nuancierter Farbigkeit, schöpfend aus Natureindrücken, entwickeln die direkt an der Wand befestigten Formen einen reliefartigen Charakter und changieren zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, Bild und Objekt. So begegnet man im Ausstellungsraum einer „Wasserkröte“ (2017), deren mit zarten Pinselzügen fleckenhaft, auf mehreren übereinanderliegenden Papierschichten aufgetragene Tusche, einen gewölbten Panzer entstehen lässt. Eine andere Assoziation erweckt die einem Schnittmuster ähnelnde „Fleckenhülle“ (2017). In ihrer Form erinnert sie an das Kleidungsstück einer Weste, in ihrer organisch gewachsenen Farbgebung erscheint sie aber vielmehr der Welt der Fauna zugehörig. 

Eine besondere Faszination übt auf Darja Eßer das japanische, handgeschöpfte Maulbeerbaumpapier aus, das sie selber in einem mehrtägigen Prozess herstellt. Für das Zeichnen ist dieses Papier zu grob, die Tusche verläuft darauf. So arbeitet sie ihre Tuschzeichnungen zwischen die Schichten der Papierfasern ein. In der abgeschlossenen Arbeit wirken die überlagernden Fasern wie eigenständige zeichnerische Spuren und erwecken neue transparente Bildräume. Ein Beispiel dafür ist die großformatige Zeichnung „vestiges“ (2017), in der ihre Faszination für natürliche Vegetationsprozesse – das Ausrollen des Farns im Frühling und das Einrollen im Winter – eine fein strukturierte bildnerische Übersetzung findet. 

Darja Eßer besitzt eine natürliche Intuition und ein ausgeprägtes inneres Gespür, das besonders gut in ihren Beobachtungen landschaftlicher, pflanzlicher und urbaner Strukturen zum Ausdruck kommt. Mit ihren sensibel ausgeführten Zeichnungen und Objekten gibt die diesjährige Robert-Sterl-Preisträgerin einen Einblick in den Umgang mit dem Natürlichen in der zeitgenössischen Kunst, das im Gegensatz zu den technoiden Überlagerungen der heutigen Zeit steht und uns zu einer neuen Annäherung an das Ursprüngliche, das Naturnahe anregt.

Seit 1997 wird jährlich der Robert-Sterl-Preis an Meisterschülerinnen und Meisterschüler der Hochschule für Bildende Künste Dresden vergeben. Die Sammelstiftungen des Bezirkes Dresden, als Verwalter des Nachlasses des sächsischen Impressionisten, greifen damit ein Anliegen des Namensgeber des Preises auf: als langjähriger Professor an der Dresdner Kunstakademie lag Robert Sterl die Förderung junger Künstler stets am Herzen.